Warum wir mehr suchen als nur Geld
Lesezeit: 4 Min.
Publikation: 19. Februar 2026, Jonathan Schönholzer
Glücksspiel wirkt auf den ersten Blick wie eine einfache Rechnung: Einsatz gegen möglichen Gewinn. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell, dass es selten nur ums Geld geht. Hinter dem Drehen eines Spielautomaten, dem Platzieren einer Wette oder dem Ausfüllen eines Lottoscheins steckt oft ein tieferes Bedürfnis, nach Hoffnung, Kontrolle oder einem kurzen Ausbruch aus dem Alltag. Gerade in einer leistungsorientierten und stark strukturierten Gesellschaft wie der Schweiz wird Glücksspiel so zu einem spannenden Spiegel innerer Sehnsüchte.
Hoffnung auf Veränderung - wenn ein Moment alles drehen könnte
Ein zentraler Antrieb des Glücksspiels ist die Hoffnung. Die Vorstellung, dass sich das eigene Leben mit einem einzigen Ereignis grundlegend verändern könnte, übt eine enorme Faszination aus. Der Gedanke „Was wäre, wenn?“ öffnet ein mentales Fenster in eine alternative Zukunft, schuldenfrei, sorgenfrei, unabhängig.
Psychologisch betrachtet ist diese Hoffnung nicht irrational, sondern zutiefst menschlich. Menschen brauchen Perspektiven. In Phasen persönlicher Unsicherheit, etwa bei beruflichem Druck, finanziellen Sorgen oder gesellschaftlichen Krisen, kann Glücksspiel wie ein symbolischer Ausweg erscheinen. Es verkörpert die Idee, dass Glück stärker sein könnte als Struktur, Zufall mächtiger als Planung.
In der Schweiz, wo Stabilität, Vorsorge und langfristige Planung kulturell hoch geschätzt werden, wirkt dieser Gedanke besonders kontrastreich. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz: Glücksspiel bricht mit dem Prinzip, dass Erfolg nur durch Disziplin und Leistung erreichbar ist. Es erlaubt für einen Moment, an das Wunderbare zu glauben.
Eskapismus - wenn der Alltag Pause macht
Neben der Hoffnung spielt Eskapismus eine zentrale Rolle. Glücksspiel bietet eine Form des mentalen Rückzugs. Lichter, Geräusche, digitale Animationen oder die konzentrierte Spannung einer Sportwette erzeugen eine eigene Welt, eine Welt mit klaren Regeln, unmittelbarem Feedback und intensiven Emotionen.
Im Gegensatz zum komplexen Alltag mit langfristigen Konsequenzen und unklaren Ergebnissen bietet das Spiel sofortige Reaktionen: Gewinn oder Verlust, richtig oder falsch. Dieses klare, schnelle System kann beruhigend wirken. Sorgen treten in den Hintergrund, Zeitgefühl verändert sich, Gedanken fokussieren sich auf den nächsten Moment.
Gerade in einer zunehmend digitalisierten und beschleunigten Gesellschaft erfüllt Glücksspiel damit ähnliche Funktionen wie Social Media oder Gaming: Es strukturiert Aufmerksamkeit, erzeugt Dopamin-Ausschüttungen und schafft eine temporäre Distanz zu Stress oder Überforderung. Das Problem entsteht erst dann, wenn diese Flucht zur bevorzugten Bewältigungsstrategie wird und reale Herausforderungen dauerhaft verdrängt werden.
Kontrolle in einer unsicheren Welt
Ein weiterer oft unterschätzter Aspekt ist das Bedürfnis nach Kontrolle. Paradoxerweise vermittelt Glücksspiel, obwohl es auf Zufall basiert, ein Gefühl von Einfluss. Spieler wählen Zahlen, Strategien oder Einsatzhöhen. Diese Handlungen erzeugen das subjektive Empfinden, aktiv zu gestalten statt passiv abzuwarten.
In einer Welt, die von globalen Krisen, wirtschaftlichen Schwankungen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt ist, kann dieses Gefühl enorm attraktiv sein. Wer spielt, trifft Entscheidungen. Selbst wenn der Ausgang zufällig ist, entsteht das Gefühl von Handlungsmacht.
Besonders in Zeiten kollektiver Unsicherheit, etwa während wirtschaftlicher Abschwünge oder gesellschaftlicher Spannungen, steigt oft das Bedürfnis nach klaren, schnellen Resultaten. Glücksspiel reduziert komplexe Unsicherheit auf ein simples Ereignis: Gewinn oder Verlust. Das kann psychologisch entlastend wirken.
Mehr als ein Spiel
Glücksspiel ist deshalb nicht nur ein ökonomisches oder juristisches Thema, sondern auch ein kulturelles und psychologisches Phänomen. Es berührt grundlegende menschliche Bedürfnisse: Hoffnung, Spannung, Kontrolle, Ablenkung. Diese Motive sind zeitlos.
Die gesellschaftliche Herausforderung besteht darin, diese Bedürfnisse ernst zu nehmen, ohne ihre Risiken zu ignorieren. Wer Glücksspiel ausschliesslich als moralisches Problem oder reine Unterhaltung betrachtet, greift zu kurz. Es ist vielmehr ein Ausdruck dessen, wie Menschen mit Unsicherheit, Sehnsucht und dem Wunsch nach Veränderung umgehen.
Am Ende zeigt sich: Im Glücksspiel suchen viele nicht in erster Linie Geld, sondern einen Moment, in dem alles möglich scheint.
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