Vom Glücksbringer zur Illusion
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Publikation: 19. März 2026, Jonathan Schönholzer
Es ist eine Szene, die sich in Casinos auf der ganzen Welt täglich unzählige Male wiederholt: Ein Spieler beugt sich konzentriert über den Roulette-Tisch, in der einen Hand ein kleines Stoffkaninchen, in der anderen einen Glückspfennig. Bevor er seinen Jetons platziert, klopft er dreimal auf das Holz des Tischrands und murmelt einen leisen Spruch.
Für den Aussenstehenden mag dies seltsam erscheinen, doch für den Spieler ist es ein ernstgemeinter Versuch, das Schicksal zu beeinflussen. Der Aberglaube ist ein treuer Begleiter des Glücksspiels, und ein faszinierendes Fenster in die menschliche Psyche.
Die Illusion der Kontrolle in einer Welt des Zufalls
Der Ursprung dieses Phänomens liegt tief in unserer psychologischen Verfassung begründet. Glücksspiel konfrontiert uns mit einer für den Menschen schwer erträglichen Wahrheit: Wir haben keine Kontrolle. In einer Situation, die einzig und allein vom Zufall bestimmt wird, sehnt sich unser Gehirn nach Mustern und Erklärungen. Diese kognitive Verzerrung wird von Fachleuten als "Illusion der Kontrolle" bezeichnet. Wenn ein Spieler einen Glücksbringer bei sich trägt oder ein bestimmtes Ritual zelebriert, gibt ihm dies das trügerische Gefühl, das Geschehen doch irgendwie beeinflussen zu können.
Der Glücksbringer wirkt dabei wie ein psychologischer Anker in einem Meer der Unsicherheit. Er kann tatsächlich Nervosität mindern und das Selbstvertrauen stärken, ein Placebo-Effekt, der zwar das Wohlbefinden steigert, aber leider keinen Einfluss auf den Kugellauf oder die Karten hat . Besonders deutlich wird dieses Bedürfnis nach Kontrolle, wenn Spieler wiederkehrenden Träumen eine Bedeutung beimessen und glauben, dass ihnen das Unterbewusstsein die Gewinnzahlen für das nächste Roulette-Spiel offenbart .
Die verflixte 13 und der Teufel am Roulette-Tisch
Die konkreten Auswüchse des Aberglaubens sind so vielfältig wie die Kulturen dieser Welt und ranken sich oft um bestimmte Zahlen oder Farben. Die Zahl 13 gilt in der westlichen Welt als Inbegriff des Unglücks, eine Angst, die tief in der Mythologie und christlichen Tradition verwurzelt ist und die dazu führt, dass viele Roulettespieler diese Nummer auf dem Tableau konsequent meiden. So sehr die 13 gefürchtet wird, so sehr wird die 7 verehrt. Sie gilt spätestens seit der Antike als Glückszahl und ziert als Symbol unzählige Spielautomaten, in der Hoffnung, dass ihr Glanz auf die Spieler abfärbt.Selbst die Farben Rot und Schwarz sind nicht frei von abergläubischen Zuschreibungen. Während Rot in vielen Kulturen als Farbe des Glücks und des Vorankommens gilt, wird Schwarz oft mit Pech assoziiert. Ein besonders kurioses Beispiel für die Macht solcher Überzeugungen findet sich in der Summe aller Zahlen des Roulette-Kessels, die 666 beträgt, eine Zahl, die im Christentum als Zahl des Antichristen gilt und dem Spiel den Beinamen "Teufelsrad" eingebracht hat .
Wenn das Gehirn im Zufall nach Mustern sucht
Der vielleicht stärkste psychologische Effekt ist jedoch der sogenannte Spielerfehlschluss, im Englischen als Gambler's Fallacy bekannt. Er beschreibt den trügerischen Glauben, dass ein zufälliges Ereignis wahrscheinlicher werde, wenn es längere Zeit nicht eingetreten ist. Das klassische Beispiel ist die berühmte Roulette-Serie von Monte Carlo im Jahr 1913, als die Kugel 26 Mal hintereinander auf Schwarz fiel. Hunderte Spieler setzten ihr Geld auf Rot, in der festen Überzeugung, dass nun endlich der Ausgleich kommen müsse. Sie verloren ein Vermögen, denn jeder einzelne Spin war ein unabhängiges Ereignis, die Kugel hat kein Gedächtnis. Unser Gehirn ist darauf programmiert, in Sequenzen und Mustern zu denken.
Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass eine scheinbar aussergewöhnliche Serie von Ereignissen nichts weiter als ein völlig normaler Teil der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist. Diese kognitive Verzerrung wird noch durch die sogenannte Repräsentativitätsheuristik verstärkt, einer mentalen Abkürzung, bei der wir die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach beurteilen, wie sehr es unserer Vorstellung von einem "typischen" Zufallsprozess entspricht und dazu gehört nun einmal, dass sich Gewinne und Verluste abwechseln . Letztlich ist der Aberglaube im Casino ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie unser Verstand versucht, Ordnung in ein chaotisches Universum zu bringen, und dabei immer wieder aufs Neue in die Fallen seiner eigenen Konstruktion tappt.
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Bildquelle: GregMontani via Pixabay
