Dienstag, 13. Januar 2026

Scham, Tabu und die Stigmatisierung von Spielsucht

Warum problematisches Glücksspiel oft unsichtbar bleibt


Lesezeit:           4 Min.
Publikation:      13. Januar 2026, Jonathan Schönholzer

Glücksspiel ist in der Schweiz allgegenwärtig: Lotto, Sportwetten, Online-Casinos oder Spielbanken gehören für viele Menschen zum Alltag. Gleichzeitig gilt problematisches Glücksspiel als eines der grössten Tabus unserer Gesellschaft. Während über Alkohol- oder Drogensucht zunehmend offen gesprochen wird, bleibt Spielsucht oft im Verborgenen. Scham, Schuldgefühle und gesellschaftliche Stigmatisierung tragen dazu bei, dass Betroffene lange schweigen, mit teils gravierenden Folgen.


Die unsichtbare Sucht

Problematisches Glücksspiel wird häufig als „unsichtbare Sucht“ bezeichnet. Anders als bei Alkohol oder Drogen gibt es keine offensichtlichen körperlichen Anzeichen. Viele Betroffene funktionieren nach aussen scheinbar normal: Sie gehen zur Arbeit, pflegen soziale Kontakte und erfüllen familiäre Pflichten. Das eigentliche Problem spielt sich im Verborgenen ab, auf dem Smartphone, am Bankkonto oder im Inneren der betroffenen Person.

Diese Unsichtbarkeit verstärkt die Scham. Wer spielt, verliert nicht nur Geld, sondern oft auch das Gefühl von Kontrolle. Dennoch wird Glücksspiel gesellschaftlich häufig als individuelles Versagen wahrgenommen: „Man hätte ja aufhören können.“ Diese Sichtweise blendet psychologische Mechanismen wie Kontrollillusionen, Belohnungssysteme und Suchtstrukturen aus. Die Folge ist ein moralischer Druck, der Betroffene dazu bringt, ihr Verhalten zu verheimlichen, statt Hilfe zu suchen.

Gesellschaftliche Zuschreibungen und Schuldfragen

Ein zentrales Problem ist die Art und Weise, wie Glücksspiel gesellschaftlich bewertet wird. Glücksspiel bewegt sich in einer Grauzone: Es ist legal, staatlich reguliert und wird beworben, gleichzeitig gilt exzessives Spielen als verantwortungslos oder unmoralisch. Diese Ambivalenz führt zu widersprüchlichen Erwartungen. Einerseits wird Glücksspiel als harmlose Unterhaltung normalisiert, andererseits werden Menschen mit Spielproblemen schnell stigmatisiert.

Besonders stark ist die Zuschreibung von persönlicher Schuld. Während bei psychischen Erkrankungen zunehmend ein strukturelles Verständnis entsteht, wird Spielsucht oft als Charakterschwäche interpretiert. Diese moralische Bewertung erschwert offene Gespräche im familiären Umfeld, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Viele Betroffene berichten, dass sie mehr Angst vor sozialer Verurteilung haben als vor finanziellen Konsequenzen.

Schweigen als Risiko - Offenheit als Prävention

Das gesellschaftliche Tabu hat konkrete Auswirkungen auf Prävention und Behandlung. Wer sich schämt, sucht später Hilfe. Je länger problematisches Spielverhalten andauert, desto grösser werden Schulden, psychischer Druck und soziale Isolation. Das Schweigen schützt nicht, es verschärft das Problem.

Ein offenerer Umgang mit Glücksspielproblemen wäre daher ein zentraler Schritt zur Prävention. Dazu gehört, Spielsucht als ernstzunehmendes gesellschaftliches Phänomen zu begreifen und nicht als individuelles Scheitern. Auch Medien, Politik und Anbieter tragen Verantwortung: durch realistische Darstellungen, entstigmatisierende Sprache und den Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote.

Scham verliert ihre Macht dort, wo Verständnis entsteht. Wenn Glücksspielprobleme als Teil gesellschaftlicher Realität anerkannt werden, sinkt die Hemmschwelle, Hilfe anzunehmen. Offenheit bedeutet nicht, Glücksspiel zu verharmlosen, sondern Menschen ernst zu nehmen, bevor das Schweigen sie weiter isoliert.

Bitte beachten Sie, dass alle Angaben ohne Gewähr sind und Änderungen vorbehalten bleiben. Wir empfehlen, aktuelle Informationen direkt auf den jeweiligen Webseiten einzusehen.

Scham, Tabu und die Stigmatisierung von Spielsucht

Warum problematisches Glücksspiel oft unsichtbar bleibt Lesezeit:           4 Min. Publikation:      13. Januar 2026, Jonathan Schönholzer ...