Wenn Spielen mehr wird als ein Spiel
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Publikation: 08. Januar 2026, Jonathan Schönholzer
Glücksspiel beginnt selten erst im Casino. Für viele Menschen liegen die ersten Berührungspunkte viel früher, oft in der Kindheit oder Jugend. Ein Rubbellos als Geschenk, das Mitfiebern beim Lotto am Küchentisch oder digitale Spiele mit Zufallselementen: Glücksspiel ist längst Teil der alltäglichen Sozialisation geworden. Gerade in einer stark regulierten Gesellschaft wie der Schweiz wirft das Fragen auf: Wie lernen junge Menschen den Umgang mit Risiko, Geld und Zufall und wo verläuft die Grenze zwischen Spiel und Glücksspiel?
Frühe Erfahrungen mit Zufall und Belohnung
Bereits im Kindesalter begegnen Kinder spielerischen Mechanismen, die dem Glücksspiel ähneln. Sammelkarten, Überraschungseier oder digitale Lootboxen basieren auf dem Prinzip der Zufälligkeit: Man investiert Geld oder Zeit und hofft auf einen wertvollen Gewinn. Der Reiz liegt weniger im objektiven Wert als im Moment der Spannung. Diese frühen Erfahrungen prägen das Verständnis von Wahrscheinlichkeit, Belohnung und Risiko, meist ohne bewusste Reflexion.
Im Jugendalter verstärkt sich dieser Effekt. Jugendliche befinden sich in einer Phase der Identitätsfindung, in der sie Grenzen austesten und nach Anerkennung suchen. Glücksspielähnliche Elemente in Videospielen, Sportwetten oder Online-Games sprechen genau diese Bedürfnisse an: Wettbewerb, Nervenkitzel, soziale Zugehörigkeit. Hinzu kommt, dass digitale Plattformen jederzeit verfügbar sind und oft mit niedrigschwelligen Einsätzen arbeiten. Die Hemmschwelle ist gering, der Übergang fliessend.
Soziales Umfeld, Normalisierung und blinde Flecken
Eine zentrale Rolle spielt dabei das soziale Umfeld. Familie, Freundeskreis und Schule prägen massgeblich, wie Glücksspiel wahrgenommen wird. Wird Lotto als harmloser Spass dargestellt? Werden Gewinne gefeiert, Verluste aber verschwiegen? In vielen Haushalten ist Glücksspiel ein Randthema, über das kaum offen gesprochen wird. Diese Normalisierung ohne kritische Einordnung kann problematisch sein, weil sie ein verzerrtes Bild vermittelt: Glück wird sichtbar, Risiken bleiben unsichtbar.
Besonders herausfordernd ist die Abgrenzung zwischen Spiel, Wettbewerb und Glücksspiel. Viele Jugendliche nehmen Zufallsmechanismen nicht als Glücksspiel wahr, weil sie in ein spielerisches oder digitales Umfeld eingebettet sind. Rechtlich mag der Unterschied klar sein, kulturell ist er es oft nicht. Das erschwert Prävention, denn Verbote allein greifen zu kurz, wenn das grundlegende Verständnis fehlt.
Prävention als kulturelle und gesellschaftliche Aufgabe
In der Schweiz wird Jugendschutz im Glücksspielbereich zwar ernst genommen, doch kulturelle Sozialisation lässt sich nicht allein gesetzlich steuern. Prävention muss deshalb früher ansetzen und breiter gedacht werden. Es geht nicht nur darum, Minderjährige vom Glücksspiel fernzuhalten, sondern ihnen einen reflektierten Umgang mit Risiko, Geld und Wahrscheinlichkeit zu vermitteln. Finanzbildung, Medienkompetenz und offene Gespräche über Glück und Verlust sind zentrale Bausteine.
Entscheidend ist auch, wie Gesellschaft über Glücksspiel spricht. Solange problematisches Spielverhalten tabuisiert wird, fällt es Jugendlichen schwer, Risiken zu erkennen oder Hilfe zu suchen. Eine Kultur, die offen über Unsicherheiten, Fehler und Abhängigkeiten spricht, schafft Vertrauen und Handlungsspielräume.
Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der Zufall und Belohnung allgegenwärtig sind, nicht nur im Glücksspiel, sondern auch in Algorithmen, sozialen Medien und Games. Der frühe Kontakt mit glücksspielähnlichen Mechanismen ist daher weniger ein Randphänomen als ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob junge Menschen damit in Berührung kommen, sondern wie sie lernen, damit umzugehen.
Ein bewusster, aufgeklärter Umgang mit Glücksspiel ist letztlich eine kulturelle Aufgabe. Sie beginnt nicht im Casino, sondern im Alltag, dort, wo Spielen zum Lernen wird und Lernen darüber entscheidet, ob Spielen harmlos bleibt.
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Bildquelle: Hermann via Pixabay
