Profi-Leben zwischen Glück, Disziplin und der Gefahr des Burnouts
Lesezeit: 4 Min.
Publikation: 22. Januar 2026, Jessy Thür
Für viele klingt es nach einem Traum: Poker spielen und damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Keine festen Arbeitszeiten, kein Chef, dafür Nervenkitzel, Strategie und die Chance auf hohe Gewinne. Doch hinter dem glamourösen Bild des Pokerprofis verbirgt sich ein Alltag, der weit anspruchsvoller ist, als Aussenstehende vermuten. Wer Poker zum Beruf macht, bewegt sich ständig im Spannungsfeld zwischen Glück, Können – und der realen Gefahr des Burnouts.
Glück versus Können: ein missverstandener Beruf
Poker ist kein reines Glücksspiel, sondern ein Spiel
unvollständiger Informationen. Langfristig setzen sich mathematisches
Verständnis, psychologische Stärke und strategisches Denken durch. Dennoch
spielt Glück kurzfristig eine enorme Rolle. Selbst perfekte Entscheidungen
können zu Verlusten führen, wenn die Karten nicht mitspielen. Genau dieser
Umstand macht den Job mental so belastend.
Profis müssen lernen, in Wahrscheinlichkeiten statt in
einzelnen Ergebnissen zu denken. Ein verlorenes All-in trotz korrekter
Entscheidung ist kein Fehler, sondern Varianz. Diese Denkweise ist essenziell –
und dennoch emotional schwer auszuhalten, besonders wenn finanzielle
Verpflichtungen davon abhängen.
Der Arbeitsalltag eines Pokerprofis
Entgegen dem Klischee verbringen erfolgreiche Pokerspieler
nur einen Teil ihrer Zeit am Tisch. Ein Grossteil der Arbeit findet abseits
statt: Handanalysen, Datenbankstudien, Theoriearbeit, Austausch mit anderen
Profis und kontinuierliche Weiterbildung. Online-Profis sitzen oft sechs bis
zehn Stunden täglich vor dem Bildschirm, Live-Spieler reisen viel und passen
sich unregelmässigen Spielzeiten an.
Hinzu kommt ein unternehmerischer Aspekt: Ein Pokerprofi ist
sein eigenes Unternehmen. Bankroll-Management, Steuerfragen, Rücklagen und
Risikoabwägung gehören zum Alltag. Wer diese Faktoren ignoriert, riskiert nicht
nur Geld, sondern auch die eigene Existenz.
Psychischer Druck und die Gefahr des Burnouts
Der wohl grösste Unterschied zu klassischen Berufen ist die
emotionale Belastung. Swings – also Phasen starker Gewinne oder Verluste –
können Wochen oder Monate dauern. Selbst sehr gute Spieler erleben Downswings,
in denen scheinbar nichts funktioniert. Das kann zu Selbstzweifeln,
Schlafproblemen und sozialem Rückzug führen.
Burnout entsteht oft schleichend. Ständiger Leistungsdruck,
fehlende Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und das Gefühl, immer „on“ sein
zu müssen, zehren an der mentalen Gesundheit. Anders als in vielen Berufen gibt
es kein festes Gehalt und keine Sicherheit. Jeder schlechte Monat kann
existenzielle Ängste auslösen.
Disziplin, Balance und mentale Stärke
Erfolgreiche Profis betonen daher immer wieder die Bedeutung
von Struktur und Balance. Feste Arbeitszeiten, regelmässige Pausen, Sport und
soziale Kontakte sind kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Mentales Training,
etwa nach Konzepten der Sportpsychologie, hilft dabei, mit Tilt (emotionalem
Kontrollverlust) und Druck umzugehen.
Auch die Fähigkeit, rechtzeitig aufzuhören oder Limits zu
wechseln, ist entscheidend. Nicht jeder, der gut Poker spielt, ist automatisch
für das Profi-Leben geeignet. Selbsterkenntnis ist hier ein zentraler
Erfolgsfaktor.
Traumjob mit Risiken
Poker als Beruf kann Freiheit, Selbstverwirklichung und
finanzielle Chancen bieten. Gleichzeitig ist es ein Hochrisiko-Job, der mentale
Stärke, Disziplin und langfristiges Denken erfordert. Wer nur das schnelle Geld
sucht, wird meist scheitern. Wer hingegen bereit ist, Poker wie einen
anspruchsvollen Leistungssport zu behandeln, kann erfolgreich sein – sollte
aber die Warnsignale von Überlastung ernst nehmen.
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